Synagogenstraße

Die heutige „Krumme Straße“ hieß ehedem, vor einigen hundert Jahren, die  „Obere Gass“.

1787 erwarb der Vorstand der kleinen jüdischen Gemeinde in Grötzingen  ein Grundstück an der Stelle des heutigen Gedenksteines.  1798/99 wird die bescheidene Synagoge - eigentlich eher  eine religiös-jüdische Schule-  errichtet und unter Mitwirkung der „Obrigkeit“ eingeweiht. Damit wird  die „Obere Gass“ zur Synagogen-Straße. 1899 wird das Gotteshaus einem gründlichen Umbau und der Erweiterung unterzogen. Schon bald  nach der „Machtergreifung“ wird am 05.März 1934 in der Ahnung, was noch kommen mag, die Straße in „Krumme Straße“  umbenannt. Die Synagoge wird dann im Sept.1938 zerstört, 1939 abgebrochen....

Ich kenne keine lustigere und bezeichnendere Straßenbezeichnung als die mir seit Kindheit als solche vertraute „Krumme Straße“ –  der Namen ist ein Merkmal  in Grötzingen. Ich finde ihn schön!  Am 09. November des abgelaufenen Jahres war ich wieder bei der Feier zum Gedenken an die Pogrome an der Stele. Diese Andachten sind für mich bedrückend und passen zur novemberlichen Stimmung und Aura. Gerne stelle ich mich dem nicht, fühle aber ein Gefühl von Bedürfnis und auch Pflicht. Die gesprochenen Worte, die Haltung der  Teilnehmer vermittelt stets auch ein  ganz kleines Stück Befreiung. Diese  Hoffnung auf Annäherung, Verzeihen, Sich-die-Hand-reichen, aber auch zugegebenermaßen mein persönliches Bedürfnis nach „Reinigung“, führt mich regelmäßig bei diesem Anlass zu folgenden Gedanken:

Wir Deutsche – und auch Grötzinger -  bemühen uns darum, sich der Geschichte zu stellen, zu zeigen, dass wir Verantwortung tragen wollen, versuchen aber auch die aufrichtige Befreiung von einer Last – so sie denn historisch erreichbar und gewährt  ist - zu erbitten. Wir haben in Grötzingen an prominenter Stelle Sandsteintafeln zum Gedenken der ermordeten jüdischen Mitbürger angebracht, junge Bürger haben eine Stele  an der ehem. IWKA-Brücke errichtet, es gibt Hefte, Veröffentlichungen und Forschungen zu jüdischem Leben, jüdischer Kultur  in Grötzingen, viele  Bekenntnisse mancher Art, Erinnerungskultur nennt man es. Alles in allem gut und richtig, plakativ und Respekt fordernd.  Evtl. gefallen wir uns aber nur in diesen Darstellungen  im Sinne des inneren Befreiungsversuches?

Denn:  Währenddessen merken wir gar nicht, dulden unbemerkt – schlimmstenfalls bewusst, - dass in unserem täglichen Leben eine Untat mit uns lebt, Alltag geworden sein mag,  angebliche Normalität hat, Adresse ist:  Die an sich unsägliche Schandtat des beginnenden Auslöschungsversuches jüdischer Kultur in Grötzingen, ideologischer Grauenhaftigkeit, Infamität: Die Umbenennung des  Straßennamens Synagogenstraße trägt die Züge der Bücherverbrennung  und  ist Auftakt zu noch ganz anderem. Mit dieser Botschaft zeigt uns die „Krumme Straße“ täglich, dass wir uns - in diesem Punkte-  mit den hintergründigeren Methoden der Judenverfolgung nicht ehrlich auseinandergesetzt haben. Zwar war die Straßenumbenennung -  oder besser Rückbenennung-  immer wieder mit gewisser Regelmäßigkeit  Thema im Ortschaftsrat – weniger im Ort selbst - wurde aber immer wieder aus allerlei Gründen verworfen: „Die Adressänderung sei niemand zuzumuten“:  Wieso denn ist heute eine Umbenennung niemandem zuzumuten? Damals ging das schon!  „Man solle das doch nicht aufrühren“:  Dann lasst uns auch alle Gedenksteine abschaffen!  „Die Anwohner wollen das evtl. nicht“:  Waren sie denn damals mit der Umbenennung einverstanden?  „Das sei  zu teuer, zu aufwändig (!)“:  Es sind die Kosten für wenige amtliche Papiere, etwas mehr für gewerbliche Betriebe. Ein Vorschlag: Den direkt betroffenen Bürgern ersetzt die solidarische Gemeinde den Aufwand:  Sprich, die Kosten trägt der Staat! Und  ein Argument war gar noch, der Name Synagogen-Str. würde zu Anschlagsgefahr führen.  -  Und  Kirchstraße ????

Keines dieser Argumente taugt. Die FDP in Grötzingen  glaubt, dass Sühne nicht mit gleichzeitiger Duldung überbrachter Zustände möglich ist, gar anständig wäre. Die Rückbenennung der Straße  ist keine „Wiedergutmachung“ (geht gar nicht, falscher Begriff): Sie ist eine Frage des Anstandes und der Scham.

Die generelle Haltung der jüdischen Gemeinschaft scheint jedenfalls die, dass die Entscheidung  von uns ausgehen müsse. Welch kluge Sehweise!

Folgen wir ihr!! Nach sechsundachtzig, spätestens fünfundsiebzig Jahren endlich......

Hans Ritzel

 

Karl-Seckinger-Straße 38
76229 Karlsruhe

 

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